Mikrofiber (Mikrophon-Fiber)

Haben Sie Mikrofieber?

 

Im März 1928 veranstaltete die Programmzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“ unter zeitgenössischen Künstlern – Schriftsteller, Schauspieler, Maler, Sänger und auch Gelehrte – eine Umfrage zum Thema „Haben Sie Mikrofieber?“. Den Grund für diese Umfrage erläuterte Hans Tasiemka von der Redaktion der Zeitschrift:

 

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(Heft 23/1928)

 

Warum wir fragten

Der Schauspieler, der Sänger, der Dichter, der gewohnt ist, vor einem großen Auditorium zu sprechen, muß die Gesetze, die die Masse faszinieren, kennen. Er muß wissen, wie er das Ungeheuer Publikum bändigt.

Auf einmal wurde er vor das Mikrophon gestellt. Auf einmal sah er nur den kleinen weißen Marmorblock und konnte die Wirkung seines Auftretens nicht mehr kontrollieren. Denn aus den Gesichtern der Menschen im Vortragssaal, im Theater, kann man Beifall oder Ablehnung lesen. Aus der Stärke der Beifallssalven sind Schlüsse zu ziehen. Nicht zu werten dagegen Zuschriften aus dem Hörerkreis. Die Zufriedenen sind zu faul. Sie schreiben nicht. Die ewigen Nörgler aber haben das Wort. Zuschriften sind mangelhafter Beweis für Wirksamkeit oder Deplaciertheit. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich auf sich selbst zu verlassen oder vom Mikrophon zu verschwinden.

Für den Rundfunkhörer wird es von größtem Interesse sein zu erfahren, mit welchen Gefühlen geistige Menschen vor das Mikrophon treten, ob sie vom „Mikrofieber“ ergriffen werden. Wir glauben, daß diese Umfrage, die Bekenntnisse von Schriftstellern und Schauspielern über ihren Seelenzustand beim Rundfunksprechen enthält, mithelfen wird, einen intimeren Kontakt zwischen Sprechern und Hörern zu schaffen.

Dies war der Sinn unserer Frage.”

 

 

Ein Teil der schriftlichen Antworten ist erhalten geblieben und heute im Besitz des Deutschen Rundfunk-Museums. Hier einige der Antworten:

(Die Abbildungen der Originalbriefe erreichen Sie durch Mausklick auf den entsprechenden Namen.)

 

Carl Zuckmayer:

 

„Mikrofieber? Nein, niemals. Ich finde, dass das Sprechen ins Mikrophon ungemein angenehm, sachlich, beruhigend, klar und sauber und sensationslos berührt, das Fehlen des Publikums, die Stille im Raum, das schöne glatte Viereck, in das man hineinredet, das Bewusstsein, dass man nicht durch Husten und Stuhlrücken gestört werden kann und dass im Nebenraum der Herr mit dem Honorar in der Hand bereit steht, all das macht Radiovorträge für mein Gefühl zu durchaus erfreulichen Einrichtungen. Natürlich fehlt andererseits auch diese letzte Erregung, Spannung, Suggestivwirkung, die nur durch Kontakt mit lebendigen Hörern, durch den Kampf Aug in Aug mit dem Publikum erzeugt wird. Aber die Sicherheit, Klarheit und Unbeeinflussbarkeit des Radiovortrags, in dem speziell bei Dichtungen der nackte Klang des Satzes, der reine Wortgehalt sich voll auswirken kann, ersetzt diese Elemente vielfach.“

 

Arnold Zweig:

 

„Leider weiß ich nicht, was Mikrofieber ist. Sollten Sie aber Mikrophonfieber meinen (denn Mikro hat schließlich noch einige andere Sprachfunktionen, als eine Abkürzung von Mikrophon zu sein), und bilden Sie hier eine Analogie zu dem Worte Lampenfieber, so will ich Ihnen gern mitteilen, dass ich weder das eine noch das andere habe. Ich bin gewohnt, zu Menschen zu sprechen. Es macht mir gar nichts aus, dass sie nicht dasitzen. Vielmehr gibt mir das Mikrophon auf dem Tisch nur jene schöne Einsamkeit wieder, die man hat, wenn man im verdunkelten Arbeitszimmer seinen Nächsten Stücke einer neuen Arbeit vorliest. Dass diese Nächsten im Falle des Rundfunks zugleich die Breitesten und Fernsten sind, ändert an den intimen Tatbeständen nichts.“

 

Lion Feuchtwanger:

 

„Mikrofieber? Alle Hemmungen, die man sonst bei einem öffentlichen Vortrag hat, fallen vor dem Mikrophon weg. Man braucht das Organ nicht zu forcieren, um einen großen Saal zu durchdringen. Man ist nicht belästigt durch zweitausend störende Augen. Am deutlichsten vielleicht zeigt sich das, wenn man in einer fremden Sprache redet. Ich freue mich, so oft ich im Rundfunk zu sprechen habe.“

 

Heinrich Zille:

 

„Nein! Auch als ich das erste Mal ins Mikrophon sprach – keine Aufregung – denn ich habe so oft ins Leere gesprochen – mit Wort und Bild.

Nur hatte ich einen kleinen Schreck, zum Schluss meines ersten Gespräches mit Dr. A. Heilborn, am Mikrophon. Als das Zwiegespräch beendet, dachte ich, es ist wie beim Fernhörer, wenn man den Hörer angehängt – ist nichts mehr zu hören – und glaubte, da unser Gespräch nun erledigt sei, – ist ‚die horchende Welt’ ausgeschaltet und sagte zum Dr. Heilborn: ‚Det taugt doch alles nischt.’ Der Aufnahmebeamte war entsetzt, ich war ärgerlich über mein Versehen, aber meine Bekannten und sonstigen Radiohörer sagten und schrieben mir: Das wäre das Beste an dem Radiogespräch gewesen!“

 

Oberbürgermeister Böß:

 

“Die Frage ,Haben Sie Mikrofieber?’ muss ich bejahen und auch verneinen. Fieber habe ich gehabt infolge der schrecklichen Hitze in dem hermetisch abgeschlossenen Senderaum. Beklemmungen vor und bei dem Sprechen fehlen natürlich bei denjenigen, die, wie ich, oft Gelegenheit haben, vor grossen Zuhörerkreisen zu reden. Bedauert habe ich, dass die persönliche Verbindung, die jeder Redner mit seiner Zuhörerschaft sucht und die die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Rede ist, beim Sprechen ins Mikrophon fehlt.”

 

Wilhelm von Scholz:

 

“Nein, nicht im mindesten.

Als ich zum ersten Mal, vor Jahren, im Rundfunk sprach, in Hamburg, fühlte ich mich durch die völlige Stille um mich aufs rascheste gesammelt, durch das Nichtgesehensein ganz frei in der Gebärde, die den Ton zu stärkstem Ausdruck steigert, und durch das Bewußtsein wider tausend Zuhörender durchaus in angeregter Vorlesestimmung.

Ich bekam eine Stunde drauf ein Telegramm, daß ich in Thüringen sehr gut verstanden worden sei, und fühle seitdem, wenn ich vor dem Mikrophon lese oder spreche, stets den größten und schönsten Vortragssaal um mich.

Besten Gruß”

 

Herbert Ihering:

 

„Wenn man vor einem Parkett von Zuhörern spricht, glaubt man: wie leicht muss es sein, vor dem Mikrophon zu reden. Wenn man das erste Mal vor dem Mikrophon spricht, glaubt man: wie angenehm ist es, vor sichtbaren Zuhörern zu sprechen. Beides verlangt seine spezielle Technik. Zum Sprechen im Rundfunk gehört mehr Phantasie. Sobald man sich die Zuhörer vorgestellt hat, weiß man, wie man sie zu packen hat. Die Vorstellung der Masse ist alles. Unruhe und Nervosität verlieren sich sofort bei dem Gefühl der anonymen Menge.“

 

Leo Schützendorf:

 

„Sie fragen mich, was ich bei meinen Rundfunkvorträgen empfinde und wie mir zumute war, als ich das erstemal ins Mikrophon gesungen habe?

Die letzte Frage kann ich nur so beantworten, daß ich das Gefühl hatte, das man als Kind hat, wie ich zum erstenmal telephonierte und immer denken mußte, jetzt wird was passieren, mit einem Wort, es kam mir etwas unheimlich vor, daß mich nun Millionen Menschen und Tiere hören und über meine faulen kölschen Witze lachen. Heute ist die Sache ja nun etwas anders, erstens weiß ich heute, daß ich einen sehr großen Anhang habe bei den Rundfunkhörern und, nicht zu vergessen, -hörerinnen!!! Ja... da geht man mit einem gewissen Lächeln an den Teufelsapparat heran, man ist sich seiner Sache so ziemlich gewiß. Von Aufregung keine Spur, ich kenne die Schliche und Tricks, mit denen man am Mikrophon umzugehen verstehen muß, denn gerade bei einer Stimme, die auf die großen Opernhäuser und Konzertsäle eingestellt ist, kann man nicht einfach so loslegen. Mit einem Wort, man muß singen können und dabei ein Schauspieler sein, damit der Ausdruck und das Empfinden dem Publikum übermittelt wird, was im Innersten des Künstlers vorgeht. Die besten Sänger sind für den Rundfunk gerade richtig, dann hat diese Kunst eine große Zukunft.“

 

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Grafiken zum obigen Text:

 

Zuckmayer:

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Arnold Zweig:

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Lion Feuchtwanger:

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Heinrich Zille:

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Oberbürgermeister Böß:

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Wilhelm von Scholz:

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Herbert Ihering:

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Leo Schützendorf:

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